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  • Speer
  • historische Bezeichnung: Deutsch-Ostafrika (Kolonie/"Schutzgebiet")
    heutige Bezeichnung: Tanzania (Tansania) (Land/Region)
  • Holz; Eisen
  • Objektmaß: L.: 130 cm
  • Ident.Nr. III E 14707
  • Sammlung: Ethnologisches Museum | Afrika
  • © Foto: Ethnologisches Museum der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
Description
Historischer Hauptkatalog: "Speer mit eingesetzter Eisenspitze. Heller Holzschaft. Die Einsatzstelle mit verziertem geschlossenen Eisenband umgeben. Auf das verdickte Schaftende ein Holzring gezogen. Lg. 130 ½ cm" [Vermerk bei III E 14700: "III E 14700 - 14720 haben einen Charakter Wagindo? Wapogoro? Elefantenjäger vom Lewugu Fluß?"]

Vorbesitzer
"Elefantenjäger", wohl der Ngindo oder Pogoro (Lewugu Fluss?, südöstliches Tansania), bis 1905/1906

Aneignungskontext
Bei diesem Objekt handelt es sich um einen ca. 130cm langen Speer, der vermutlich der Jagd auf Elefanten diente. Er gehört zur sogenannten Kriegsbeute aus dem Maji-Maji-Krieg. Im Maji-Maji-Krieg (1905–1907) lehnten sich große Teile der in der südlichen Hälfte Deutsch-Ostafrikas lebenden Gesellschaften gegen die Vertreter der kolonialen Ordnung auf und griffen diese militärisch an. In diesem Krieg, den die Deutschen mit aller Brutalität nach dem Prinzip der verbrannten Erde führten, starben nach einigen Schätzungen bis zu 300.000 Afrikanerinnen und Afrikaner. Allerdings wurden die meisten Menschen nicht in direkten Kampfhandlungen getötet, sie starben vielmehr an Hunger als Folge der systematischen Zerstörungen ihrer Lebensgrundlagen durch die Kolonialtruppen.
Auch der materielle Besitz der Afrikanerinnen und Afrikaner wurde dabei zerstört oder fiel in die Hände der Deutschen und ihrer Verbündeten. Das Gouvernement in Dar es Salaam verwaltete und lagerte jedenfalls große Mengen von im Krieg erbeuteten Objekten, dabei handelte es sich aber hauptsächlich um Waffen. Der Gouverneur Graf von Götzen verfügte in einem Runderlass vom Dezember 1905 an Militärstationen und Bezirksämter sowie in einer Anordnung an das Kommando der sogenannten Schutztruppe, dass „(…)sämtliche Beutestücke, wie Waffen, Speere, Bogen, Schilde, Pfeile, Kriegstrommeln, Schmuckstücke pp. ohne Ausnahme als fiskalisches Eigentum anzusehen und daher von dem B.A. [Bezirksamt, d. Verf.] zu sammeln und mit der nächsten sich bietenden Gelegenheit an das Z.M. [Zentralmagazin, d. Verf.] in Daressalam zu senden sind“ (BundArch 1001/6112, Bl. 68). Der Runderlass wurde wohl deshalb notwendig, weil der „Erlös aus Beute“ oftmals nicht in den Etat der Kolonie, sondern in private Taschen geflossen war, da „über die Eigentumsverhältnisse der von den Eingeborenen erbeuteten oder bei der Unterwerfung von denselben abgelieferten Gegenstände Zweifel und Unsicherheit obwalten“ (BundArch 1001/6112, Bl. 68). Es ist also davon auszugehen, dass weit mehr Objekte als die sich im Zentralmagazin in Dar es Salaam befindlichen erbeutet wurden und ihren Weg in Privatsammlungen fanden oder veräußert wurden.
Nach einem Bericht des Kaiserlichen Gouvernements in Dar es Salaam an die Kolonialabteilung des Auswärtigen Amts waren bei den Kämpfen bis Ende März 1906 „796 Vorderlader, 613 Speere, 1056 Bogen, 1577 Pfeile, 16 Köcher, 7 Äxte, 7 Trommeln, 2 Paar Schellen und 1 Kriegshorn erbeutet und an das Zentralmagazin daselbst zur Ablieferung gelangt“ (SMB-PK, EM, 801, 1906/1009, Bl. 1). Schließlich sandte das Gouvernement in Dar 1914 kg Objekte (Gewicht inklusive der Kisten) an das Museum für Völkerkunde in Berlin, das entsprach nach Einschätzungen des Geografen und Ethnologen Karl Weule, seit 1907 Direktor des Leipziger Museums für Völkerkunde, ca. zwei Fünftel der Gesamtmenge der Objekte. Weule hatte auf Initiative der Kolonialabteilung Ende 1906 in Dar es Salaam diejenigen Objekte herausgesucht, die er für deutsche Museen als brauchbar erachtete. Das Ergebnis seiner Sichtung der von ihm so bezeichneten „ethnographischen Aufstandsbeute“ bestand darin, dass er den Objekten nur einen geringen wissenschaftlichen Wert beimaß und diesen den Charakter von Trophäen zuwies, die an „Provinzgemeinden“ verteilt werden sollten um das „koloniale Interesse“ zu beleben. Die für die deutschen ethnografischen Museen ausgewählten Objekte waren: „(…) 485 engl. Pfund Pfeile, 1283 engl. Pfund Speere, 851 engl. Pfund Bogen, 171 engl. Pfund Trommeln, 111 engl. Pfund Munitionsgürtel, 15 engl. Pfund Bestandteile von Fischgärten. [...] In dem ganzen grossen Beutehaufen machen die ausgewählten Stücke nur einen mässigen Teil, etwa 2/5, aus (…).“ (TNA, G8/5, Bl. 62-63). Er wählte zudem noch einige Äxte, ein Schild, „Tanzrasseln“ und zwei vermeintliche „Zaubersäcke“ aus – einer davon befindet sich heute noch im Depot des Berliner Museums (III E 14793), der andere ist im Leipziger Museum für Völkerkunde zu finden.
Heute sind aufgrund von Kriegsverlusten oder Weitergabe an andere Personen und Institutionen nur noch 32 Inventarnummern der großen „Sammlung“ im Berliner Museum vorhanden. Neben dem bereits erwähnten „Sack aus Leder mit Utensilien eines Zauberers“ (III E 14793), so der Eintrag im Hauptkatalog des Berliner Museums, sind es zwei Trommeln (III E 14791, III E 14792), ein Munitionsgürtel (III E 14788), das Modell eines Gewehres (III E 14790, im historischen Hauptkatalog als „Kinderspielzeug“ gedeutet) sowie hauptsächlich Speere, Pfeile und Bögen. Felix von Luschan, Direktor der Sammlungen aus Afrika, stufte den Großteil der Objekte aus der „Kriegsbeute“ gleichfalls als wissenschaftlich wertlos und auch „ohne jeden Marktwert“ ein. Bei den Waffen handelt es sich nämlich nicht um vermeintlich traditionelle“ Objekte, die bei den Ethnologen so begehrt waren, sondern um für den Einsatz im Maji-Maji-Krieg wahrscheinlich behelfsmäßig hergestellte Stücke, wodurch sie dem anachronistischen Bild der nicht-zeitgenössischen „Naturvölker“ widersprachen. Schließlich verschickte von Luschan kleinere Zusammenstellungen von Objekten als Geschenke an andere völkerkundliche Museen im Deutschen Kaiserreich und an kleinere Museen, Vereine und Schulen.
Wie oben erwähnt, bestand die „Kriegsbeute“ auch aus vielen Vorderladern. Allerdings wählte Weule keine dieser Schusswaffen für die Museen aus. So entstand bei der „Kriegsbeute“ der Eindruck, die afrikanische Bevölkerung hätte nur mit „traditionellen“ (oder den ad hoc hergestellten) Waffen gekämpft, obwohl seit der Mitte des 19. Jahrhunderts große Mengen von Gewehren nach Ostafrika importiert wurden und ihr Gebrauch spätestens seit den 1890er Jahren weitverbreitet war. Diese Selektion entsprach nicht nur dem Sammelparadigma der Ethnologen, afrikanische Gesellschaften als authentische „Naturvölker“ jenseits historischer Verflechtungen und gesellschaftlichen Wandels zu erforschen – und damit durch die selektive Sammeltätigkeit letztlich als solche zu konstruieren. Sie festigte auch kolonialideologische Perspektiven, deren Vertreter das Bild vermeintlich primitiver und geschichtsloser afrikanischer Gesellschaften entwarfen. Jedoch reflektiert schon die koloniale Etikettierung „Kriegsbeute“ die Historizität der Objekte.
Die erbeuteten „Elefantenspeere“ verweisen auf die bedeutsame Rolle der Elefantenjäger im Maji-Maji-Krieg. Politische, militärische und soziale Autorität sowie Wohlstand in der südöstlichen Hälfte Tansanias war eng mit der Jagd von Elefanten sowie dem Besitz und Handel mit Elfenbein verknüpft. Ostafrika war im 19. Jahrhundert die wichtigste Quelle für Elfenbein und zog Händler aus aller Welt an. Die koloniale Regierung in „Deutsch-Ostafrika“ erließ jedoch ab Mitte der 1890er Jahre umfassende Jagdvorschriften, die im Laufe der Jahre immer wieder für die afrikanische Bevölkerungen verschärft wurden – dies galt auch für die hochspezialisierte Aktivität der Elefantenjagd. Auch wenn die Verordnungen in Anbetracht der Größe des Gebiets wohl kaum lückenlos durchgesetzt werden konnten, waren sie so wirkungsmächtig, dass viele im Auftrag der Kolonialregierung zu den Ursachen des Krieges befragten Afrikaner*innen als Begründung für ihre Beteiligung am Krieg eben diese Jagdvorschriften angaben. Auch die Kolonialregierung selbst bewertete die Restriktionen bezüglich der Jagd von Elefanten und des Handels mit Elfenbein als einer der Gründe für die Erhebung der Afrikaner*innen. Letztere waren auf die eine oder andere Art in die Jagd involviert, da es - neben der Verknüpfung von Elfenbein mit Wohlstand, Prestige und Macht -eben auch darum ging, die Tiere von den Feldern zu vertreiben und landwirtschaftliche Schäden zu verhindern, also um eine grundlegende Form der Existenzsicherung. Der Maji-Maji-Krieg bedeutete schließlich das Ende der maßgeblich in den Krieg involvierten Elefantenjäger, die oft aufgrund ihrer strategischen Fähigkeiten und sehr guten Kenntnisse des Terrains die Kämpfe gegen die Deutschen anführten. Sie wurden getötet oder flohen in portugiesisches Gebiet. Der nähere Aneignungskontext der als Elefantenspeere bezeichneten Objekte ist noch ungeklärt.

Quellen
Giblin, James und Jamie Monson (Hg.) (2010): Maji Maji. Lifting the Fog of War. Leiden und Boston: Brill.
Gissibl, Bernhard (2016): The Narrative of German Imperialism – Conservation and the Politics of Wildlife in Colonial East Africa. New York u.a.: Berghahn Books.
Gwassa, Gilbert C. K. [1973] (2005): The Outbreak and the Development of the Maji Maji War 1905–1907. Köln: Rüdiger Köppe Verlag.
Iliffe, John (1969): Tanganyika under German Rule. Cambridge: Cambridge University Press.
Larson, Lorne (2010): “The Ngindo: Exploring the Center of the Maji Maji Rebellion”, in: Giblin, James und Jamie Monson (Hg.): Maji Maji. Lifting the Fog of War. Leiden und Boston: Brill, S. 71-114.
Reyels, Lili, Paola Ivanov, Kristin Weber-Sinn (Hg.): Objekte aus den Kolonialkriegen im Ethnologischen Museum, Berlin (dreisprachig Englisch, Deutsch, Kiswahili). Ein tansanisch-deutscher Dialog. Berlin: Reimer.
Sunseri, Thaddeus (2003): “Reinterpreting a Colonial Rebellion: Forestry and Social Control in German East Africa (1874-1915)”, in: Environmental History 8 (3), S. 430-451.
Sunseri, Thaddeus (2010: “The War of the Hunters: Maji Maji and the Decline of the Ivory Trade”, in: Giblin, James und Jamie Monson (Hg.): Maji Maji. Lifting the Fog of War. Leiden und Boston: Brill, S. 118-147.

Bundesarchiv 1001/6112
SMB-PK, EM, 801, Acta betreffend die bei der Niederwerfung des Aufstandes in Ostafrika erbeuteten Gegenstände (:Kriegsbeute:)
SMB-PK, EM, I/MV 741, E 1536/1907
SMB-PK, EM, I/MV 746, E 678/1909
SMB-PK, EM, I/MV 749, E 1077/1910
SMB-PK, EM, I/MV 752, E 1752/1912
SMB-PK, EM, I/MV 759, E 631/1935
Tanzania National Archives (TNA) G8/5


Inventarnummern (gesamt) der Kriegsbeute: III E 14704, III E 14706, III E 14707, III E 14708, III E 14718, III E 14729, III E 14742, III E 14751, III E 14757 III E 14760, III E 14762, III E 14763, III E 14766, III E 14767, III E 14770, III E 14774, III E 14777 a-k, III E 14778, III E 14779, III E 14780, III E 14781 a-f, III E 14782 a-f, III E 14783 a-e, III E 14784 a-e, III E 14785, III E 14786 a-g, III E 14786 a-g, III E 14787 a-q, III E 14788, III E 14790, III E 14791, III E 14792, III E 14793


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