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  • Geschosse
  • historische Bezeichnung: Deutsch-Ostafrika (Kolonie/"Schutzgebiet")
    heutige Bezeichnung: Tanzania (Tansania) (Land/Region)
  • Blei
  • Höhe x Breite x Tiefe: max je. 3 x 1,5 x 1,5 cm
  • Ident.Nr. III E 14787 a-q
  • Sammlung: Ethnologisches Museum | Afrika
  • © Foto: Ethnologisches Museum der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
  • Fotograf/in: Hendryk Ortlieb
Description
Historischer Hauptkatalog: "Verschiedene Formen von Geschossen, die beim deutsch-ost-aftrik. Aufstand 1905/06 von Eingeborenen verwendet wurden."

Aneignungskontext
Diese Geschosse gehören zur sogenannten Kriegsbeute aus dem Maji-Maji-Krieg. Im Maji-Maji-Krieg (1905–1907) lehnten sich große Teile der in der südlichen Hälfte Deutsch-Ostafrikas lebenden Gesellschaften gegen die Vertreter der kolonialen Ordnung auf und griffen diese militärisch an. In diesem Krieg, den die Deutschen mit aller Brutalität nach dem Prinzip der verbrannten Erde führten, starben nach einigen Schätzungen bis zu 300.000 Afrikanerinnen und Afrikaner. Allerdings wurden die meisten Menschen nicht in direkten Kampfhandlungen getötet, sie starben vielmehr an Hunger als Folge der systematischen Zerstörungen ihrer Lebensgrundlagen durch die Kolonialtruppen.
Auch der materielle Besitz der Afrikanerinnen und Afrikaner wurde dabei zerstört oder fiel in die Hände der Deutschen und ihrer Verbündeten. Das Gouvernement in Dar es Salaam verwaltete und lagerte jedenfalls große Mengen von im Krieg erbeuteten Objekten, dabei handelte es sich aber hauptsächlich um Waffen. Der Gouverneur Graf von Götzen verfügte in einem Runderlass vom Dezember 1905 an Militärstationen und Bezirksämter sowie in einer Anordnung an das Kommando der sogenannten Schutztruppe, dass „(…)sämtliche Beutestücke, wie Waffen, Speere, Bogen, Schilde, Pfeile, Kriegstrommeln, Schmuckstücke pp. ohne Ausnahme als fiskalisches Eigentum anzusehen und daher von dem B.A. [Bezirksamt, d. Verf.] zu sammeln und mit der nächsten sich bietenden Gelegenheit an das Z.M. [Zentralmagazin, d. Verf.] in Daressalam zu senden sind“ (BundArch 1001/6112, Bl. 68). Der Runderlass wurde wohl deshalb notwendig, weil der „Erlös aus Beute“ oftmals nicht in den Etat der Kolonie, sondern in private Taschen geflossen war, da „über die Eigentumsverhältnisse der von den Eingeborenen erbeuteten oder bei der Unterwerfung von denselben abgelieferten Gegenstände Zweifel und Unsicherheit obwalten“ (BundArch 1001/6112, Bl. 68). Es ist also davon auszugehen, dass weit mehr Objekte als die sich im Zentralmagazin in Dar es Salaam befindlichen erbeutet wurden und ihren Weg in Privatsammlungen fanden oder veräußert wurden.
Nach einem Bericht des Kaiserlichen Gouvernements in Dar es Salaam an die Kolonialabteilung des Auswärtigen Amts waren bei den Kämpfen bis Ende März 1906 „796 Vorderlader, 613 Speere, 1056 Bogen, 1577 Pfeile, 16 Köcher, 7 Äxte, 7 Trommeln, 2 Paar Schellen und 1 Kriegshorn erbeutet und an das Zentralmagazin daselbst zur Ablieferung gelangt“ (SMB-PK, EM, 801, 1906/1009, Bl. 1). Schließlich sandte das Gouvernement in Dar 1914 kg Objekte (Gewicht inklusive der Kisten) an das Museum für Völkerkunde in Berlin, das entsprach nach Einschätzungen des Geografen und Ethnologen Karl Weule, seit 1907 Direktor des Leipziger Museums für Völkerkunde, ca. zwei Fünftel der Gesamtmenge der Objekte. Weule hatte auf Initiative der Kolonialabteilung Ende 1906 in Dar es Salaam diejenigen Objekte herausgesucht, die er für deutsche Museen als brauchbar erachtete. Das Ergebnis seiner Sichtung der von ihm so bezeichneten „ethnographischen Aufstandsbeute“ bestand darin, dass er den Objekten nur einen geringen wissenschaftlichen Wert beimaß und diesen den Charakter von Trophäen zuwies, die an „Provinzgemeinden“ verteilt werden sollten um das „koloniale Interesse“ zu beleben. Die für die deutschen ethnografischen Museen ausgewählten Objekte waren: „(…) 485 engl. Pfund Pfeile, 1283 engl. Pfund Speere, 851 engl. Pfund Bogen, 171 engl. Pfund Trommeln, 111 engl. Pfund Munitionsgürtel, 15 engl. Pfund Bestandteile von Fischgärten. [...] In dem ganzen grossen Beutehaufen machen die ausgewählten Stücke nur einen mässigen Teil, etwa 2/5, aus (…).“ (TNA, G8/5, Bl. 62-63). Er wählte zudem noch einige Äxte, ein Schild, „Tanzrasseln“ und zwei vermeintliche „Zaubersäcke“ aus – einer davon befindet sich heute noch im Depot des Berliner Museums (III E 14793), der andere ist im Leipziger Museum für Völkerkunde zu finden.
Heute sind aufgrund von Kriegsverlusten oder Weitergabe an andere Personen und Institutionen nur noch 32 Inventarnummern der großen „Sammlung“ im Berliner Museum vorhanden. Neben dem bereits erwähnten „Sack aus Leder mit Utensilien eines Zauberers“ (III E 14793), so der Eintrag im Hauptkatalog des Berliner Museums, sind es zwei Trommeln (III E 14791, III E 14792), ein Munitionsgürtel (III E 14788), das Modell eines Gewehres (III E 14790, im historischen Hauptkatalog als „Kinderspielzeug“ gedeutet) sowie hauptsächlich Speere, Pfeile und Bögen. Felix von Luschan, Direktor der Sammlungen aus Afrika, stufte den Großteil der Objekte aus der „Kriegsbeute“ gleichfalls als wissenschaftlich wertlos und auch „ohne jeden Marktwert“ ein. Bei den Waffen handelt es sich nämlich nicht um vermeintlich traditionelle“ Objekte, die bei den Ethnologen so begehrt waren, sondern um für den Einsatz im Maji-Maji-Krieg wahrscheinlich behelfsmäßig hergestellte Stücke, wodurch sie dem anachronistischen Bild der nicht-zeitgenössischen „Naturvölker“ widersprachen. Schließlich verschickte von Luschan kleinere Zusammenstellungen von Objekten als Geschenke an andere völkerkundliche Museen im Deutschen Kaiserreich und an kleinere Museen, Vereine und Schulen.
Wie oben erwähnt, bestand die „Kriegsbeute“ auch aus vielen Vorderladern. Allerdings wählte Weule keine dieser Schusswaffen für die Museen aus. So entstand bei der „Kriegsbeute“ der Eindruck, die afrikanische Bevölkerung hätte nur mit „traditionellen“ (oder den ad hoc hergestellten) Waffen gekämpft, obwohl seit der Mitte des 19. Jahrhunderts große Mengen von Gewehren nach Ostafrika importiert wurden und ihr Gebrauch spätestens seit den 1890er Jahren weitverbreitet war. Diese Selektion entsprach nicht nur dem Sammelparadigma der Ethnologen, afrikanische Gesellschaften als authentische „Naturvölker“ jenseits historischer Verflechtungen und gesellschaftlichen Wandels zu erforschen – und damit durch die selektive Sammeltätigkeit letztlich als solche zu konstruieren. Sie festigte auch kolonialideologische Perspektiven, deren Vertreter das Bild vermeintlich primitiver und geschichtsloser afrikanischer Gesellschaften entwarfen. Jedoch reflektiert schon die koloniale Etikettierung „Kriegsbeute“ die Historizität der Objekte. Und auch die Geschosse verweisen direkt auf den Gebrauch von Gewehren.

Quellen
Beez, Jigal (2003): Geschosse zu Wassertropfen. Sozio-religiöseAspekte des Maji-Maji-Krieges in Deutsch-Ostafrika(1905–1907). Köln: Rüdiger Köppe Verlag.
Giblin, James und Jamie Monson (Hg.) (2010): Maji Maji. Lifting the Fog of War. Leiden und Boston: Brill.
Gwassa, Gilbert C. K. [1973] (2005): The Outbreak and the Development of the Maji Maji War 1905–1907. Köln: Rüdiger Köppe Verlag.
Iliffe, John (1969): Tanganyika under German Rule. Cambridge: Cambridge University Press.
Reyels, Lili, Paola Ivanov, Kristin Weber-Sinn (Hg.): Objekte aus den Kolonialkriegen im Ethnologischen Museum, Berlin (dreisprachig Englisch, Deutsch, Kiswahili). Ein tansanisch-deutscher Dialog. Berlin: Reimer.

Bundesarchiv 1001/6112
SMB-PK, EM, 801, Acta betreffend die bei der Niederwerfung des Aufstandes in Ostafrika erbeuteten Gegenstände (:Kriegsbeute:)
SMB-PK, EM, I/MV 741, E 1536/1907
SMB-PK, EM, I/MV 746, E 678/1909
SMB-PK, EM, I/MV 749, E 1077/1910
SMB-PK, EM, I/MV 752, E 1752/1912
SMB-PK, EM, I/MV 759, E 631/1935
Tanzania National Archives (TNA) G8/5


Inventarnummern (gesamt) der Kriegsbeute: III E 14704, III E 14706, III E 14707, III E 14708, III E 14718, III E 14729, III E 14742, III E 14751, III E 14757 III E 14760, III E 14762, III E 14763, III E 14766, III E 14767, III E 14770, III E 14774, III E 14777 a-k, III E 14778, III E 14779, III E 14780, III E 14781 a-f, III E 14782 a-f, III E 14783 a-e, III E 14784 a-e, III E 14785, III E 14786 a-g, III E 14786 a-g, III E 14787 a-q, III E 14788, III E 14790, III E 14791, III E 14792, III E 14793


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