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Statue der Ornithe
  • Statue der Ornithe
  • Statue, bekleidet, stehend (Skulptur / Rundplastik / Rundplastik, weiblich)
  • Geneleos (Schaffenszeit: um die Mitte 6. Jh.v.Chr.), Bildhauer
  • 2. Viertel 6. Jh.v.Chr.
    Genauer: um 560 - 550 v.Chr.
  • Fundort: Heilige Straβe (Griechenland / Samos / Heraion (Kolonna))
  • Marmor
  • Objektmaß: 169,5 x 50 x 35 cm
  • Ident.Nr. SK 1739
  • Sammlung: Antikensammlung
  • © Foto: Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
  • Fotograf/in: Johannes Laurentius
Beschreibung
Multimedia
Das Heraion auf der Insel Samos war eines der berühmtesten Heiligtümer der Göttin im antiken Griechenland, dessen Kulttradition bis in das 2. Jahrtausend v.Chr. zurückreicht. Die Bedeutung, die das Hera-Heiligtum in archaischer Zeit, v.a. im 6. Jahrhundert v.Chr., besaß, belegt eine Vielzahl archäologischer Funde wie Weihgeschenke und Reste von Bauwerken. Besucher betraten das Heraion auf der „Heiligen Strasse“, die das Temenos (grch. für "heiliger Bezirk") mit der antiken Stadt Samos verband. Daher boten sich deren Randbereiche für die Aufstellung repräsentativer Weihgeschenke besonders an - Basen für die Einlassung solcher Votive sind noch heute sichtbar.
Auch die ca. 6m lange Basis des Weihgeschenkes, zu dem die Statue des jungen Mädchens gehörte, wurde nördlich der "Heiligen Strasse“ gefunden. Es handelte sich um eine mehrfigurige Familienweihung an Hera, die aus sechs Statuen bestand, von denen vier Figuren fast vollständig erhalten sind. Die Aufstellung der Statuengruppe lässt sich durch Einlassspuren rekonstruieren: Zwischen der thronenden Mutter am linken Ende der Basis und dem gelagerten, als Teilnehmer an einem Symposion dargestellten Vater am rechten Ende standen die Kinder, drei Töchter und ein Sohn. Unsere Mädchenfigur, deren Name „Ornithe“ (grch. für "Vögelchen") in das Gewand eingeritzt ist, stand wahrscheinlich neben ihrem Vater, von dessen Namen nur noch die Endung –arches lesbar ist. Ihre Mutter und eine ihrer Schwestern sind uns ebenfalls namentlich bekannt: Phileia und Philippe. Auf der Sitzfigur der Phileia hat außerdem der Bildhauer seine Signatur angebracht „Geneleos hat uns gemacht“.
Geneleos gelang es, das Erscheinungsbild der in Kleidung und Standmotiv weitgehend übereinstimmenden Mädchenstatuen zu variieren und damit die Aufreihung der nebeneinander stehenden Figuren zu beleben. Sie sind durch geringfügige Unterschiede in den Körperproportionen, der Gewandung und der Wiedergabe des Haares differenziert. Die Schwestern tragen einen gegürteten Chiton mit langen geknüpften Ärmeln, der Bausch fällt seitlich flach über die Hüften herab. Der dünne weiche Stoff, bei dessen Wiedergabe glatte mit gefältelten Partien abwechseln, lässt die Körperformen durchscheinen. Die Statuen zeigen die reizvolle Oberflächengestaltung und die feinen Schwingungen des Konturs ostionischer archaischer Plastik. Durch das Raffen des Gewandes mit der rechten Hand über dem vorgesetzten Bein spannt sich der Chiton eng um den Unterkörper, so dass sich die Rundung des linken Beines sanft abzeichnet. Der linke Arm der Koren (grch. für "Mädchen") hängt locker herab, die Hand ist zur Faust geballt. Ornithe ist jedoch graziler als ihre Schwester und unterscheidet sich von ihr auch durch die Haarsträhnen, die über ihre Brüste fallen. Vielleicht sollten die in Haltung, Kleidung und Gestus gleichen Mädchen als Teilnehmerinnen an einem festlichen Reigentanz im Heiligtum zu Ehren der Göttin verstanden werden. In Berlin wird ein männliches Torsofragment aufbewahrt, das wohl ebenfalls zur dem Familienanathem gehörte und zu einem Flötenspieler, der bei Tanz und Kultmahl musizierte, ergänzt werden könnte.
Der Bildhauer Geneleos schuf das wahrscheinlich früheste Familienweihgeschenk der archaischen Kunst. Auch wenn die Figuren in ihrer Körperhaltung nicht auf einander Bezug nehmen, sind sie formal - durch die Basis, die Rahmenfiguren der Thronenden und des Liegenden sowie die übereinstimmende Gewandbehandlung - zu einer Gruppe verbunden. Ihre enge inhaltliche Zusammengehörigkeit über die familiäre Beziehung hinaus kommt in der gemeinsamen Teilnahme an Kulthandlungen zu Ehren der Göttin Hera zum Ausdruck.


Die Antikensammlung. Altes Museum, Pergamonmuseum 3. Aufl. (2007) S. 146 ff. Nr. 84 (S. Brehme).


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