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Der Parnass
  • Der Parnass
  • Zeichnung
  • Hans Holbein (der Jüngere) (1497/98 - 1543), Zeichner
  • 1533
  • Feder in Schwarz, leicht aquarelliert, braunes Papier
  • Höhe x Breite: 42,1 x 38,4 cm
  • Ident.Nr. KdZ 3105
  • Sammlung: Kupferstichkabinett
  • © Foto: Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
  • Fotograf/in: Jörg P. Anders
Description
Holbeins zweiter Aufenthalt in England, bei dem er 1536 schließlich Hofmaler des Königs wurde, begann mit Werken für den Stahlhof, die Niederlassung der einflußreichen hansischen Kaufleute in London. Neben zwei nur in Kopien überlieferten Wandbildern auf Leinwand entwarf er auch den von mehreren Zeitgenossen beschriebenen Festapparat, der zur Krönungsfeier der Königin Anna Boleyn, der zweiten Frau Heinrichs VIII., im Mai 1533 vor dem Stahlhof errichtet wurde.
Es handelt sich damit bei dem Blatt um eine ausgefallene Aufgabe im Werk des Künstlers. Zu sehen ist Apoll, dessen Thron von einem Baldachin mit bekrönendem Adler überhöht wird, im Gewand eines römischen Imperators, umringt von den neun Musen, deren jede auf die ihr eigene Art das Lob der Königin singt und spielt. Weder aus der Zeichnung noch aus den Beschreibungen geht eindeutig hervor, ob die Figuren gemalt waren oder von Menschen dargestellt wurden. Dagegen wird mehrfach erwähnt, daß der zentrale, die kastalische Quelle symbolisierende Brunnen bis zum Abend Rheinwein vergoß. Die übrige Dekoration - die flankierenden Ornamentsäulen, die gekrönte Wappen tragen, und den Triumphbogen, auf dem sich das Ganze erhebt - hat der routinierte Entwerfer in vielen Details als Alternativvorlage ausgearbeitet oder nur auf einer der Seiten angegeben, selbst die Musen sind nur auf der linken Seite durch die Lavierung vervollständigt.
Bemerkenswert ist die dem jeweiligen Zweck nach unterschiedliche Gestaltung der verschiedenen Teile: Während die figürliche Szene, die Maler oder Akteuren zum Vorbild zu dienen hatte, im Blatt eine räumliche Illusion erzeugt, sind die ornamentalen Partien, die sich an den ausführenden Handwerker richteten, in der Art eines Baurisses flächig und frontal gehalten. Sollte der Bogen vollständig gezeichnet worden sein, ist nur noch gut die Hälfte des ursprünglichen Blattes vorhanden. Es kann allerdings kaum die endgültige Vorlage gewesen sein, da die Architektur zu unstimmig ist. Die starken Gebrauchsspuren scheinen aber den längeren Verbleib des Blattes in einer Werkstatt zu bezeugen. Trotz des großen Schwunges, mit dem die Pinselzeichnung ausgeführt wurde, sind Pentimenti gegenüber der zarten Vorzeichnung zu erkennen, z.B. in der rechten Balustersäule. Noch während der zügigen Ausführung also korrigierte der Künstler die Komposition.

Text: Gero Seelig in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 135f., Kat. III.63 (mit weiterer Literatur)


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