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Esther vor Ahasver
  • Esther vor Ahasver
  • Bild
  • Julius Friedrich Anton Schrader (16.6.1815 - 16.2.1900), Maler
  • 1856
  • Öl auf Leinwand
  • 196,5 x 251 cm
  • Ident.Nr. W.S. 220
  • 1861 Vermächtnis des Bankiers Joachim Heinrich Wilhelm Wagener als Gründungssammlung der Nationalgalerie
  • Sammlung: Nationalgalerie | Alte Nationalgalerie
  • © Foto: Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
  • Fotograf/in: Andres Kilger
Beschreibung
Provenienz
Das alttestamentarische Buch Esther erzählt, wie die Jüdin Esther, Gemahlin des Perserkönigs Ahasver (Artaxerxes), ihren Vormund Mordechai vor dem Tod und ihr Volk vor der Verfolgung rettet, indem sie dem König zugleich die verleumderischen Machenschaften des Ministers Haman (im Bild hinter Ahasver) und ihre eigene Herkunft offenbart. Nach längerem Zögern und Bangen hatte sie sich entschlossen, königlich geschmückt vor den Tyrannen zu treten, der auf seinem Thron, in Gold und Edelsteinen prangend, »schrecklich anzusehen« ist (W. Lübke, Esther vor Ahasverus, in: Deutsches Kunstblatt, 7. Jg., 1856, S. 161). Als er sie zornig anblickt, fällt sie in Ohnmacht; erst im weiteren Verlauf der Handlung wird sie den Intriganten Haman entlarven. Seine Kreuzigung wird zum Triumph des Judenvolkes. In der Barockmalerei finden sich des öfteren Szenen aus der Esther-Geschichte. Unter den Dramen und Opern, die den Stoff gestalteten, wurde Jean Racines Trauerspiel (1689) am berühmtesten. Franz Grillparzers Tragödie (1848) blieb Fragment. »Kann diejenige unter den Künsten, deren Aufgabe es ist, das Schöne in leuchtender Farbenpracht zu schildern, sich ein willkommneres Motiv denken, als die siegreiche Macht weiblicher Schönheit in ihrem Triumphe zu zeigen?«, rief ein Kritiker aus, der in Schrader einen Künstler begrüßte, »der gerade im Reiche der Farbe als einer der Großmeister schaltet« (ebd., S. 161).
Eine Reise durch England, Belgien und Holland 1847 hatte Schraders Kunst eine dauerhafte Orientierung gegeben, und Eindrücke aus Rubens und Rembrandt konkretisierten die Entwicklung, die die belgischen Historienmaler Anfang der vierziger Jahre ausgelöst hatten. Die im Gemälde dem Betrachter sehr nahe gerückten Dreiviertelfiguren laden zur Einfühlung ein – umso mehr, als der König in seinem verlorenen Profil kaum eine Repräsentationsfigur ist. Wellenartig kontrastierende Bewegungs- und Blickrichtungen bis hin zum argwöhnischen Fluchtreflex Hamans (ganz links) vermitteln das Dramatische des Augenblicks. Alle Aufmerksamkeit liegt auf dem Kontrast zwischen der weich zusammenbrechenden, schönen, von Draperien umwallten Esther und der Erstarrung des Königs, die sich in den zwei langen Diagonalen des Zepters und des Fächers sammelt. Diagonalen bestimmen auch die Komposition als Ganzes: Entlang einer V-Linie, über deren Spitze das nachdenkliche Gesicht der jungen Magd auftaucht, ordnen sich die Hauptgestalten. Die schon im Bibeltext nachdrücklich beschriebene Pracht der Kostüme wird in einem rembrandtesk goldenen, von tiefen Schattenzonen unterbrochenen Licht zusätzlich betont. – Schwarzkunststich von Hermann Dröhmer. | Claude Keisch


SIGNATUREN UND INSCHRIFTEN
Bez. links unten: Julius Schrader. Berlin 1856

AUSSTELLUNGEN
– I. deutsche allgemeine und historische Kunstausstellung, München, Glaspalast, 1858
– Regards sur l'Europe. L'Europe et la peinture allemande du XIXe siècle, Brüssel, Palais des Beaux-Arts, 8.3.-20.5.2007
– Blicke auf Europa. Europa und die deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts, München, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Neue Pinakothek, 22.6.-2.9.2007
– Die Sammlung des Bankiers Wagener. Die Gründung der Nationalgalerie, Berlin, Alte Nationalgalerie, 23.3.2011-8.1.2012
– Die Sammlung des Bankiers Wagener. Die Gründung der Nationalgalerie, Papenburg, Gut Altenkamp, 15.5.-19.8.2012

LITERATUR
– Ausst.-Kat. Berlin 2011: Die Sammlung des Bankiers Wagener. Die Gründung der Nationalgalerie, hrsg. v. Birgit Verwiebe, Angelika Wesenberg und Udo Kittelmann, Ausst.-Kat. Alte Nationalgalerie, Berlin 23.3.2011-8.1.2012, Kat-Nr. 220
– Ausst.-Kat. Brüssel 2007: Blicke auf Europa. Europa und die deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts, hrsg. v. Bernhard Maaz, Ausst.-Kat. Palais des Beaux-Arts, Brüssel 8.3.-20.5.2007; Neue Pinakothek, München 22.6.-2.9.2007, S. 366, Kat.-Nr. 118 mit Farbabb., Farbtaf. 117, S. 263
– Boetticher 1891: Friedrich Boetticher, Malerwerke des 19. Jahrhunderts, Leipzig, Schmidt & Günther, 1891, Bd. II, 2, S. 646, Kat.-Nr. 40
– Jordan 1876: Beschreibendes Verzeichniß der Kunstwerke in der Königlichen National-Galerie zu Berlin, bearb. v. Max Jordan, Berlin, Mittler & Sohn, 1876, 2. Aufl., S. 237, Kat.-Nr. 329
– Lübke 1856: Wilhelm Lübke, Esther vor Ahasverus. Ölgemälde von Julius Schrader, in: Deutsches Kunstblatt, 7. Jg. (1856), H. 19 (8. Mai), S. 161-162
– Nationalgalerie Kataloge 1876: Beschreibendes Verzeichniß der Kunstwerke in der Königlichen National-Galerie zu Berlin / Katalog der Königlichen National-Galerie zu Berlin / Verzeichnis der Gemälde und Skulpturen in der Königlichen National-Galerie zu Berlin / Verzeichnis der Gemälde und Bildwerke in der National-Galerie zu Berlin, Berlin, 1876-1902, Kat.-Nr. 329
– Nationalgalerie 1986: Die Gemälde der Nationalgalerie. Verzeichnis. Deutsche Malerei vom Klassizismus bis zum Impressionismus. Ausländische Malerei von 1800 bis 1930, bearb. v. Claude Keisch, Berlin (Ost), Die Museen, 1986, o. S.
– Nationalgalerie 1996: Die Gemälde der Nationalgalerie, München, Saur, 1996 (CD-ROM)
– Nationalgalerie 1999: Gesamtverzeichnis der Gemälde und Skulpturen; Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, München, Saur, 1999 (CD-ROM)
– Nationalgalerie 2017: Malkunst im 19. Jahrhundert. Die Sammlung der Nationalgalerie, hrsg. v. Angelika Wesenberg, Birgit Verwiebe und Regina Freyberger, Petersberg, Imhof, 2017, S. 766 mit Abb.
– Thieme/Becker 1907-1950: Ulrich Thieme und Felix Becker, Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart, Leipzig, Engelmann, 1907-1950, Bd. 30, 1936, S. 274
– Waagen 1861: Verzeichniss der Gemälde-Sammlung des am 18. Januar 1861 zu Berlin verstorbenen Königlichen Schwedischen und Norwegischen Konsuls J. H. W. Wagener, welche durch letztwillige Bestimmung in den Besitz Seiner Majestät des Königs übergegangen ist, hrsg. v. Gustav Friedrich Waagen, Berlin 1861, S. 120 f., Kat.-Nr. 220
– Wesenberg 2001: Angelika Wesenberg und Eve Förschl (Hrsg.), Nationalgalerie Berlin. Das XIX. Jahrhundert. Katalog der ausgestellten Werke, Leipzig, Seemann, 2001, S. 383 f., Kat.-Nr. 447 mit Farbabb.
– With 1986: Christopher B. With, The Prussian Landeskunstkommission 1862-1911. A Study in State Subvention of the Arts, Berlin, Gebrüder Mann, 1986, S. 41-42, Abb. 4


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